Es war schon immer so mit der Obrigkeit: wenn Untertanen laut genug klagten, heute im Ton noch verstärkt, wenn irgendwelche Wahlen drohten, dann wurde zur Tat geschritten: Am 8. Januar 1731 reagierte Preußens König Friedrich Wilhelm I .mit dem „Renovierten Edikt wegen Ausrottung der Sperlinge“ auf große Klagen vom Landmann.
Das Gesetz verpflichtete nahezu jeden Preußen im ländlichen Raum zum Kampf gegen den Haussperling (Passer domesticus) und den Feldsperling (Passer montanus). Zwischen Johannis und Michaelis, also zwischen 24. Juni und 29. September, mussten Gartenbesitzer in Landstädten zwei, Bauern zwölf, Kössäten acht, andere Landbewohner wie Schäfer, Hirte und Müller sechs Spatzenköpfe bei der Obrigkeit abliefern. Jeder fehlende Kopf kostete einen Dreier, zu zahlen an die Armenkasse des Ortes.
In China endete rund 230 Jahre später ein ähnlicher Krieg mit einem schmählichen Sieg. Der große Steuermann Mao ließ den Feldzug schleunigst beenden, denn er hatte übersehen, dass die Spatzen zwar gelegentlich ein Reiskorn mitgehen ließen, aber gleichzeitig die Felder von schädlichen Insekten und Würmern säuberten.
An das Sperlings-Edikt erinnerte ich mich, als ich las, dass in Deutschland Haussperling und Feldsperling neuerdings in der Roten Liste bedrohter Tierarten zu finden sind. Zunächst nur unter „ potentiell gefährdet“, aber wer erst einmal auf einem solchen Platz steht, das sagt die Erfahrung, der hat gute Chancen auf schnellen Aufstieg.
Der Jüngste im Nest mit den Fünfen zerbrach seine Eierschale am 22. Mai, geschätzte drei bis sieben Tage nach seinen Nestgeschwistern. Kurz danach beobachtete ich, wie das winzige Federknäuel ums Leben kämpfte. Zu sehen und zu lesen auf diesen Seiten. Exakt vier Wochen nach dem Schlupf des Winzlings saß ich wieder auf dem lederbespannten Jagdhocker vor der Dachluke in Slonsk. Der Kleine kämpfte noch immer, noch immer suchte er nach übersehenen Krümeln auf dem Nestboden, nach der Energie für seine Aufholjagd. Wie gehabt: Alles schläft, nur der Jüngste wacht.

Was ich dann noch sah, das hat mich ziemlich überrascht. Intensive Flugübungen, Kräfte aufbauendes Trockentraining betrieben vom sichtbar Größten, also auch ältesten, und dem 2 bis 3 Zentimeter kürzeren Kleinen. Die drei anderen ließen sich von diesen Ruhe störenden Aktivitäten nicht anstecken. Der Große trainierte in der Nestmitte über den meist pennenden Geschwistern, der Kleine suchte sich einen Platz außerhalb, gefährlich nahe am äußersten linken Nestrand.

Als ich begriffen hatte, was sich da vollzog, fing ich an zu zählen. Auf zwei Trainingseinheiten des Alten kamen fünf des Kleinen. Von der faulen Gesellschaft in der Mitte bequemte sich in der selben Zeit nur einer zu müden Flügelschlägen.
Was, bitte, sagt uns das?
Zwischendurch suchte der ehemalige Winzling Körperkontakt zum Alten: Schnabel an Schnabel, Auge in Auge.
Einer wird gewinnen, Du bist es nicht.
So sicher war ich mir nicht, ob die Singschwäne, die stolzen Neubürger, zu friedlicher Koexistenz mit den Höckerschwänen, den Artgenossen mit dem roten Schnabel, fähig sein werden. Im deutschen Singschwan-Zentrum bei Vetschau endeten alle bisherigen Begegnungen mit schneller Flucht: Die Höckerschwäne hatten der aggressiven Gewalt der Angreifer nichts entgegen zu setzen. In den Teichen, einst stets mit mehr als zehn Paaren besetzt, herrschten Jahre lang die Neuen, die in ihrer kargen Stammheimat in den sibirischen Tundren gezwungen waren, ihren Lebensraum gegen Nahrungskonkurrenten zu verteidigen. Lange brütete hier nur ein Paar. Und immer wenn auf einem der sechs Teiche Höckerschwäne einfielen, stieg das Männchen auf und verjagte laut singend die verblüfften Artgenossen.
Immerhin: Die allmähliche Anpassung an die neuen Lebensbedingungen schien zu funktionieren. Im vergangenem Jahr duldeten sich in den Teichen schon zwei Singschwanpaare.
Gestern, bei der gewohnten ersten Spreewaldtour, sah ich auf jeder der zwei Inseln in der Teichgruppe ein brütendes Paar. Auf einem dritten Teich kehrten GR01 und ihr Partner 5R18, der seinen gelben Halsring verloren hat und nur noch am Fußring zu erkennen ist, immer wieder laut schimpfend zu einem im Schilf verborgenen Nest zurück, auf dem ein Höckerschwan brütete. Der männliche Partner schoss jedes mal mit kräftigen Flügelschlägen auf die lästigen Verwandten zu. Und die suchten das Weite. Fliehende Singschwäne, das hatte ich bei solchen Begegnungen noch nie erlebt.
Wie das weiter gehen wird mit den beiden Paaren?
Ich bin ziemlich sicher, dass sich die Höckerschwäne entgegen allen Erfahrungen aus bisherigen Kämpfen behaupten werden. Schließlich haben sie ja was zu verteidigen. Ein bisschen traurig für die beiden Singschwäne, denn sie gehören zu den ersten echten Deutschen, in Deutschland geschlüpft.
Hier an diesen Teichen.
Die ersten Brandenburger Störche bezogen am 21. Februar 2008 ihr Nest am Rande des Oderbruchs in Bad Freienwalde. Für diese Region liegt wie in den meisten östlichen Brutgebieten die übliche Ankunftszeit zwischen Anfang und Mitte April. Das Paar vom Februar verbesserte seine eigenen Rekord, denn in den vergangenen drei Jahren begannen die beiden ihr Brutgeschäft im Stammnest erst Anfang März. Verantwortlich für die frühe Ankunft war natürlich wieder der übliche Verdächtige: der Klimawandel.
Noch früher als die beiden im Oderbruch siedelte ein Storchenpaar auf der polnischen Oderseite in Swierkow, früher Fichtenwerder. Die Störche wurden schon am 5. Februar von einem Brandenburger Ornithologen beobachtet, der nach einigen Recherchen den Herkunftsort herausfand: einen Zoo-Safaripark in der Nachbarschaft, der in jedem Winter bis zu 11 Störche mit Eintagsküken durchfüttert.
In Deutschland überwinterten 2006 laut Zählung des NABU an die 100 Störche allein in Baden-Württemberg, rund 40 wurden im hessischen Wiesbaden-Schierstein mit Küken versorgt. Einige der ersten Störche der letzten Jahre in den östlichen Bundesländern trugen Ringe, an denen sich ihre Herkunft feststellen ließ, beispielsweise der Luisenpark in Mannheim.
Das Phänomen der Frühankömmlinge ist wohl doch keine Folge des von uns gemachten Klimawandels, sondern Menschenwerk in noch direkterem Sinne: Produkt des Eingriffs in natürliche Abläufe. Kein Storch ist so blöd 10.000 Kilometer in ein afrikanisches Winterquartier zu fliegen, wenn er in Deutschland, Polen oder wo auch immer ganzjährig so prima versorgt wird.
Vor ein paar Tagen besuchte mich der Fotograf Uli P., der von mir Erinnerungen an Erna Roder aufgeschrieben haben wollte.
Uli P. hatte vor zwei Jahren das für Bundesverdienstkreuze zuständige Amt auf die Leistungen und das erstaunliche Leben der Oderbruch-Malerin aufmerksam gemacht. Sie bekam den Orden als sie schon im Pflegeheim lag, kurz danach starb sie mit 91 Jahren. Ich kannte sie seit 1993.
An die Pfarresfrau soll ab Mai eine kleine Ausstellung in der Kirchenruine von Kienitz erinnern. Der Erlös der kleinen Broschüre, für die Uli P. jetzt Erinnerungen sammelt, soll, so wie sie es mit dem Geld aus dem Verkauf der Kalender und aller ihrer Bilder gehalten hatte, für Ausbau und Pflege der Kirche verwendet werden.
Uli P. hätte von mir am liebsten einen Text über Störche gehabt, denn Erna Roder hatte die stolzen Vögel immer wieder gemalt und gezeichnet. In jedem ihrer Kalender sind sie zu sehen: sitzend oder fütternd im Horst, balancierend auf dem Kienitzer Kirchendach, unterwegs auf Wiesen. Zwei Storchenliebhaber also unter sich in der Stube vom Pfarrhaus, sie die Malerin und ich der Knipser, aber über diese Gemeinsamkeit haben wir nie in Ruhe geredet. Eines ihrer Storchenbilder, gemalt mit Autolack auf Schieferplatten aus den Schuttbergen um die Kirche, durfte ich im Sommer 1994 für mein Buch „Storchenland - Paradies auf Abruf“ reproduzieren, aber das war schon alles.
Gesprochen wurde bei jedem Besuch über Gott und die Welt, über das anfängliche Misstrauen gegenüber der aus dem Westen zugereisten Pfarrersfrau, über Hilfsbereitschaft und Gleichgültigkeit, über Otto, den Alkoholiker, der sich im Deichvorland verkrochen hatte und den sie bis zum Tode versorgte, über die langsam ausgehenden Dachschiefer, über den Ärger mit Denkmalpflegern und Kostenvoranschläge von Handwerkern für die Kirche. Und selbst über ihre Bilder redete sie nur selten. Einmal erklärte sie mir, weshalb dunkle Farben nicht vorkommen, denn sie würde nie malen, wenn „ich schlechte Laune habe“. Und nach einigem Nachdenken: „Aber wann habe ich schon schlechte Laune? Eigentlich nie, die verdirbt nur die Freude am Leben.“ Eine großartige, warmherzige Frau.

Den Oderbruch-Kalender für 2001 schickte sie mir Anfang März, wie immer mit ein paar freundlichen Worten:
„Lieber Herr Dr. Blutke.
Einen Gruß aus Kienitz sendet Erna Roder. Es wird wohl der letzte Kalender sein. Das Alter spüre ich sehr. Keine Kraft mehr. Bin zufrieden. Hab genug geschafft.“
Auf die Zeilen zum Kalender 2001 antwortete ich der schon 85 Jahre alten Frau in jenem schrecklichen Ton, in dem man Kindern zuredet oder eben auch alten Menschen: es wird schon werden, Kopf hoch, alles nicht so schlimm:
„Was ist, wenn die Wiesen wieder blühen, die Störche über den Acker stolzieren, in der Oder sich der blaue Himmel spiegelt? Vielleicht packt Sie dann doch wieder die Lust, rauszugehen mit ihren Farbstiften, dem Zeichenbrett und der Schaumgummimatte. ... Also bin ich mir durchaus nicht sicher, ob es nicht doch noch einen Oderbruch-Kalender 2002 geben wird.“
Es hat ihn gegeben, aber der war nun endgültig der letzte.
Die Rubrik passt zu diesem Thema nicht so richtig, statt „nachgetragen“ eher schon: „vorausgefühlt“ oder so.
Also: Wie auf meiner Seite anzuschauen und zu lesen ist, habe ich 2006 im Naturschutzgebiet Plagefenn erkundet, was die Natur in einer solchen Wald-, Moor- und Bruchlandschaft mit sich selbst anstellt, wenn sie 100 Jahre lang relativ in Ruhe gelassen wird.
Es hat Spaß gemacht, und den sollte man sich als Naturfotograf gönnen. Über den Rest will ich lieber nicht reden.
Jetzt versuche ich gerade für die fotografische Dokumentation, denn das ist sie bei allem Bemühen um ordentliche Bilder in erster Linie, einen Platz zu finden, an der sie die nächsten 100 Jahre überdauern kann. Ich bin ziemlich sicher, dass bei der entwickelten Neugier unserer Art dann wieder jemand durch das Plagefenn steigen wird, um zu sehen, was Natur etc. usw. nach 200 Jahren relativer Ruhe aus sich gemacht hat. Und selbiger würde natürlich, wenn er annähernd so strukturiert ist wie Neugierige meiner Art, nachsehen und mit dem vorausgegangenem großen Jubiläumsjahr vergleichen wollen.
Und fände dann meine Fotos.
So denke ich, obwohl ich Zeitung lese.
Demnächst, so war gerade aus einer abgedruckten Klimaprognose zu erfahren, dürfte es den Störchen und Kranichen bei uns sehr schlecht gehen (Wassermangel), dafür würden sich die Bienenfresser ausbreiten (Erwärmung). Kann also sein, dass mit den Fotos von 2006 jemand eine Trauerkundgebung unter dem Titel „Das verlorene Paradies“ inszeniert. Vielleicht aber geht es unseren Nachfahren so dreckig, dass Natur für sie nur noch interessant ist, wenn sie genug zum Weiterleben abwirft.
Und dennoch: ich suche nach einem spezialisierten Archiv mit guten Prognosen, also einigermaßen ungefährdet von Streichungen in öffentlichen Haushalten und an einem Ort, den jene finden können, die sich schon vor 2106 fürs Plagefenn interessieren.
Genau genommen Blödsinn, denn was geht mich die Welt in 100 Jahren an?
Haben Sie vielleicht eine Idee?
(Es denkt sich, wenn man einmal damit angefangen, von ganz allein. Angenommen: Es gäbe es, dieses Archiv. Wie könnten Fotos dort überleben. Als Farbdias? Vielleicht. Und auf CD? Ab wann zerbröseln die Buchen und Schwarzerlen aus dem Fenn auf den Scheiben zu Sägespänen? Und was könnte ein Archivar dagegen tun? Falls er Kraft, öffentliche Mittel und Lust dazu hätte. Schließlich ist er auch nur ein Mensch, und ausgelaugt von der ständigen Affenhitze in seinem Büro.)
Auch wenn es naiv klingt, ich staune immer wieder über dieses Medium, in dem ich mich gerade bewege.
Bei meinen Storchentouren kam ich 2x ins polnische Zywkowo, einem winzigen Ort im früheren ostpreußischen Ermland, das in deutschen Zeiten Schewenken hieß. Ein Straßendorf, 35 Einwohner, in normalen Jahren rund 50 besetzte Storchennester. Die kleine Landstraße, von der links der Weg zum Dorf führt, endet nach einigen hundert Metern an der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad.
Mit Hilfe seiner Suchmaschine fand der Australier Peter S. auf meinen Seiten das polnische Storchendorf. Er sei, wie er mir schrieb, „fünf Stunden nördlich von Brisbane“ zu Hause. Peter S. recherchierte auf Wunsch seiner Mutter, die in Schewenken aufgewachsen ist, ihr Dorf 1945 verlassen musste und jetzt mit ihm zusammen lebt, besagten australischen Katzensprung entfernt von der nächsten großen Stadt. Auf per E-Mail geschickten Fotos ist sie zusehen: hochgewaschen, hager, schwarz gekleidet, eine Ostpreußin aus dem Bilderbuch, und dazu die Hubschraubersicht auf ihre neue Heimat: ein einzeln stehendes Haus mit Flachdach und Wassertank, umgeben von lichtem Eukalyptuswald, in dem es mehr Papageien geben soll als Spatzen in Schewenken...
Übrigens bekam ich von weit her auch schon mal eine Anfrage zu Stipa capillata und Stipa borysthenica, zwei im Nationalpark Unteres Odertal vorkommenden Federgräsern. Erst danach, das muss ich zugeben, habe ich mir die fotogenen Gräser genauer angeschaut und die Unterschiede gesehen. Danke nach Taiwan.
In der Zeitung war zu lesen, dass der auf Malta frisch geschossene Schreiadler gerade noch vorm Ausstopfen gerettet wurde. Der Präparator hatte den Vogel schon auf dem Tisch. Ein oder zwei Tage vorher hörte ich Malteser jammern, weil sie demnächst auch umrechnen dürfen: Euro, Maltesische Pfunde. Was bitte hatte noch mal das Brot gekostet und wie war es mit dem 12 Jahre alten Malt Whisky? Ich erinnere mich an eine Bar auf Gozo, in der das Längsregal durch den schmalen Raum mit ausgestopften Vögeln vollgestellt war. Bei Gelegenheit werde ich mir das Foto heraussuchen, neben das schwer zu hebende "Handbuch der Vogelbestimmung" legen und die Tiere identifizieren.
Vor reichlich einem halben Jahr lernte ich in einem Naturpark der Extremadura wie man Rotwein aus dem Schlauch trinkt. Beim ersten Versuch nahm ich das fingerdicke Schlauchende zum allgemeinen Mißfallen in den Mund, beim zweiten traf ich zielgenau das Kinn. Und danach ging es hervorragend. Nicht mehr zu verlernen wie das Fahrradfahren. Mein Lehrmeister war einer von mehr als einem Dutzend Jägern, die ihre Autos an einer Wegmündung zusammengefahren hatten, um ihren Jagderfolg zu feiern. Das erlegte Tier hing hinten an der Klappe eines Transporters, eine Füchsin mit hervortretenden Milchdrüsen. Die Fähe, so schien es, hatte vor kurzer Zeit erst geworfen und stillte noch ihre Jungen.
Für uns Fotografen legte sie einer der Männer so ins hohe Gras, als ob sie nach einer Beute spähen würde. Das Arrangement vollendete ein Witzbold mit seiner Zigarette, die qualmend aus dem Maul der Füchsin hing.

Auf Malta und Gozo werden Zugvögel seit Jahrhunderten gejagt. Seit langem ziehen westeuropäische Vogelschützer zu den Zugzeiten über die Inseln und zerstören Stellnetze. In den maltesischen Zeitungen streiten Malteser über das Für und Wider dieser Tradition. Ich habe nach dem ersten Versuch eines Gesprächs zu diesem Thema den Mund gehalten. Ich denke mal, der Euro reicht fürs erste. Belehrungen von außen können unerträglich sein und den spanischen Jägern werde ich nicht erklären, dass man eine stillende Füchsin nicht abknallt. Entweder wissen sie es nicht oder sie wissen es und es ist ihnen egal.
Aber ärgern wird man sich bei aller, gerade für uns, die besserwisserischen, alle Welt belehrenden Deutsche gebotenen Zurückhaltung wohl dürfen, oder?